Marburger Neue Zeitung

Gemeinsames Projekt mit Partnerorganisation in Indien – Lebenshilfe unterstützt über Landesgrenzen hinweg Marburg. (pp).

Die Bundesvereinigung Lebenshilfe hat sich zum Ziel gemacht, sich für das Wohl geistig behinderter Menschen und deren Familien einzusetzen. Sie unterstützt aber nicht nur Menschen in unserem Land, sondern auch in weit entfernten Ländern. Zusammen mit dem Geschäftsführer der Partnerorganisation “Jewels International – Chetana Institute For Mentally Handicapped” Dr. Narayan C. Pati, stellte der Referent für internationale Hilfe der Bundesvereinigung, Harald Kolmar die Marburger Hilfe für geistig behinderte Kinder in einer indischen Hurrikan-Region in Orissa vor. Seit 1993 bestehen die Kontakte der Bundesvereinigung zu Indien. Zunächst wurden zusammen mit dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung kleinere Maßnahmen unterstützt. Dazu gehörten der Kauf von Geräten, einem Kleinbus oder auch berufsbegleitende Maßnahmen. 1999 wurde der indische Bundesstaat Orissa von einem Hurrikan heimgesucht, der weite Landstriche, besonders Küstengegenden verwüstete. Im April des Jahres wurde zusammen mit der Lebenshilfe ein für dreieinhalb Jahre angesetztes Projekt zur Hilfe von Orissa und vor allem der dort lebenden geistig behinderten Kinder eingerichtet. 400 000 Mark stellt das Bundesministerium für Zusammenarbeit und Entwicklung zur Verfügung. Die beiden Organisationen steuern jeweils 100 000 Mark bei. Um die besondere Schwierigkeit des Landes zu verstehen, müssen wirtschaftliche und gesellschaftliche Gegebenheiten umrissen werden. Orissa gehört mit zu den ärmsten Gegenden Indiens. Bis zu 60 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. “Geistig behinderte Babys haben Glück, wenn sie überleben. Viele Eltern, gerade die der Landbevölkerung, gehen zu Heilern und wollen die geistige Behinderung mit Kräutern oder Zaubersprüchen austreiben. Die Gebildeten meinen, man könne den Defiziten der Kinder mit Medikamenten beikommen. Pädagogische Hilfen gibt es so gut wie nicht”, beschreibt Dr. Pati die Situation der behinderten Kinder und ihre Eltern. In Indien ist es üblich, dass Cousin und Cousine heiraten, damit der wenige Besitz in der Familie bleibt. Oftmals werden in diesen Familien dann drei bis vier behinderte Kinder geboren. An einem Beispiel demonstriert Pati die absurden Versuche, der geistigen Behinderung beizukommen: Ein kleiner Junge wurde zu einer Heilerin gebracht und musste mehrere Tage dort verbringen. Er lief aber davon und hatte im Nacken ein Brandmal. “Dies sollte helfen die bösen Geister zu vertreiben”, so der Psychologe. Die Aufgabe des Instituts und der Lebenshilfe besteht vor allem in Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung. Ein besonderer Schwerpunkt ist dabei die “gemeindenahe Arbeit” auf dem Land. “Die Eltern haben dort nicht die Möglichkeit, in Schulen Hilfen zu bekommen, so dass wir möglichst an die Menschen heran treten müssen”, erläutert Harald Kolmar. Deshalb werden im Institut sogenannte “Worker” ausgebildet, die in 16 Gebieten Familien mit geistig behinderten Kindern unterstützen. Jeder Worker ist für 45 Kinder zuständig. Oftmals sind es schon die einfachen Tätigkeiten, über die die Worker aufklären. Beispielsweise wie die Kinder ohne Hilfe essen können oder wie sie beim selbstständigen Anziehen unterstützt werden können. Besonders schwierig ist es sogenannten “randständigen Gruppen” zu helfen. “Wir versuchen ihnen zum Beispiel beizubringen, welche Maßnahmen sie in Anspruch nehmen können”, so Harald Kolmar. Im Chetana-Institut in Bhubaneswar, der Hauptstadt der Region, wurden außerdem neue Schlafräume für 60 behinderte Kinder gebaut, um die Grundversorgung leisten zu können. Dort gibt es spezielle Schulen für die Kinder und psychologische Betreuung. Bisher müssen 25 Kinder gemeinsam in einem Zimmer auf Pritschen schlafen, zukünftig sollen es höchstens sechs Kinder in einem Raum sein. Außerdem soll jedes Kind einen eigenen Schrank erhalten. Nach Beendigung des Projekts ist geplant, das Elternorganisationen die Finanzierung weiter übernehmen. Ähnlich wie in Deutschland sollen dann Vereine gegründet werden, wo die Eltern auch spenden. Dazu ist natürlich viel Engagement und Mühe nötig, um die Eltern zusammen zu bringen. Gerade auf dem Land müssen viele Kilometer überwunden werden. Deshalb sieht sich das Chetana-Institut vor allem auch als Kontaktstelle, die die Menschen auch in sehr entlegenen Regionen aufsucht. Die zweite Aufgabe sieht das Institut darin, Verwaltungen zur Zusammenarbeit zu motivieren. “Unser Ziel geht aber noch weit über die Behindertenhilfe hinaus. Denn wenn wir in Gegenden kommen, wo Menschen an Hunger sterben, ist dort kein Platz für Behindertenhilfe. Deshalb versuchen wir eine lokale Vernetzung unterschiedlichster Organisationen, um mit möglichst vielen zusammen zu arbeiten”, erklärt Harald Kolmar.